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Die Welt im Blick (03.08.26)

Marco Herack
Marco Herack
10 minuten gelesen
Die Welt im Blick (03.08.26)

Inhaltsverzeichnis

Über den Sommer hinweg möchte ich hier ein Format testen, das euch dann hinter der Paywall erhalten bleibt, wenn ich das Gefühl habe, dass es was bringt und angenommen wird. Das Ganze hat den zusätzlichen Kniff, dass ich zugleich mein 'News posten' in Social Media weitestgehend einstelle und versuche hier einen Mehrwert zu generieren. Denn mir fehlt seit Jahren, dass es zu den News etwas mehr Kontext gibt.

Damit das Ganze stattfinden kann, sammle ich in meiner 'Arbeitsoberfläche' jede Woche Lesezeichen zu Artikeln, die ich relevant finde. Mithilfe von AI werden die Artikel ausgewertet und in Themen zusammengefasst. Das hat den Vorteil, dass ich ein Konstrukt vorliegen habe, von dem aus ich dann wiederum die Einordnung vornehmen kann. Die Texte muss ich leider immer noch selber schreiben, da bin ich weniger innovativ als manch Medienmanger.

Geoökonomie

Kann die Ukraine Putin unter Druck setzen?

Eine der faszinierendsten Entwicklungen der letzten Monate ist die von der Ukraine entwickelte Fähigkeit, Russlands Infrastruktur 'überall' zu treffen. Wenn die Ukraine einen Schmerzpunkt entdeckt, dann wird er im Lauf der Zeit genutzt, also attackiert. Seit Anfang 2026 wurden mindestens 194 Ziele getroffen. Das 11-Fache im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Was sich außenstehende Beobachter schon denken konnten, wird nun durch eine Recherche der Financial Times bestätigt. Die Ukraine geht nicht nur strategisch vor, sondern sie geht auch gezielt auf kritische Einzelkomponenten wie Pumpen und Wärmetauscher los, die für Russland schwerer zu ersetzen sind.

Derweil gibt es in Russland echte Probleme. Kraftstoffmangel in mehr als 40 Regionen, stark steigende Benzinpreise und unzufriedene Bürger. Die Ukraine hofft, Putin damit an den Verhandlungstisch zu bringen. Ich bin skeptisch und möchte an eine von Putins Lieblingsgeschichten über sich selbst erinnern: Der kleine Vladimir jagte als Kind eine Ratte und trieb sie in die Enge. Und als er glaubte, gewonnen zu haben, schlug die Ratte los und jagte ihn. Natürlich gewann der kleine Vladimir dennoch. Aber er hatte etwas gelernt. Wenn du in der Enge bist, schlag zu. Diese Geschichte wiederholen er und 'die Medien' über Jahre hinweg. Sie ist eine Konstante.

Oder anders gesagt, ich glaube nicht, dass die ukrainische Vorgehensweise ihn an den Verhandlungstisch bringt. Das ist nicht sein Muster, und vor allem glaubt er immer noch, am Gewinnen zu sein.

Es gibt dennoch Hoffnung, und die liegt darin, dass Putin nicht nur militärisch unter Druck ist, sondern zunehmend klar wird, wie abhängig er von China geworden ist. Eine Debatte darüber wäre einem Machtverlust Putins wesentlich zuträglicher als jedes Frontereignis.

Quellen: (FT) Ukraine adapts strikes on Russian energy industry to hit critical components, (Bloomberg) Ukraine Aims to Extend the 'Kill Zone' and Turn Up Heat on Putin, (FT) Russia targets hundreds of Ukrainian petrol stations, (WSJ) Putin Was Xi's Role Model. Now He's the Junior Partner.

Weiterführende Links (AI generiert):


Iran weitet seinen Einfluss aus

Das allgemeine Urteil scheint klar. Trump (nicht mal die USA, sondern Trump) hat den Krieg gegen Iran verloren und kommt zugleich nicht mehr aus der Nummer raus. In jedem Fall ist Iran emsig dabei, seine Macht in der Region auszudehnen, und schafft das auch. Die sogenannte 'Achse des Widerstands', die gegen die USA und Israel sowie ihre Verbündeten aufgebaut wurde und die den gesamten Nahen Osten aktuell in Schach hält, wirkt stark. Doch es gibt dazu wenig Wissen und Hintergründe speziell in den deutschen Medien. Wir ändern das mit unserer aktuellen Folge des Foreign-Times-Podcasts zu diesem Thema.

Aktuell sehen wir, dass Iran gezielt IRGC-Kommandeure, Militärberater sowie Raketen- und Drohnenausrüstung mit einer Maschine der sanktionierten Mahan Air nach Yemen brachte. Das verstößt gegen das Stillhalteabkommen zwischen den Houthis und der yemenitischen Regierung, die von Saudi-Arabien gestützt wird. Und es trägt zu den Möglichkeiten der Houthis bei, die kurz darauf begonnen haben, saudische Häfen zu blockieren, wie sie das nannten. Faktisch war es eine Blockade der Meeresstraße Bab al-Mandab, über die Saudi-Arabien Öl gen Asien brachte. Die Ausweichroute der weitestgehend geschlossenen Straße von Hormuz. Mehr Details dazu findet ihr in der aktuellen Folge der Mikroökonomen.

Ein Nebenstrang des iranischen Treibens ist Bildung. Hier wird seit Jahrzehnten rekrutiert und das eigene Wort verbreitet. Sei es in Afrika oder Europa. Ein aktueller Bericht des Hudson-Instituts widmet sich den Bestrebungen Irans in Georgien. Wie so oft, ist das durch einen Freiraum möglich, den die Regierungspartei 'Georgischer Traum' lässt. Wie erfolgreich das Ganze über die Zeit ist, wird man sehen, aber es zeigt sich an diesem Beispiel, dass Iran seine Macht nicht nur militärisch auszubaut, wenn man ihm denn Freiraum lässt.

Quellen: (Substack Nadwa al Dawsari) Beyond the Houthi Naval Blockade: Iran's Long-Term Strategy in Yemen, (Reuters) EXCLUSIVE: Iran flew IRGC commanders, missile gear to Yemen's Houthis, sources say, (Kyiv Independent) Iran is building shadow state inside Georgia. I was interrogated for saying so

Weiterführende Links (AI generiert):


China strebt nach Kontrolle; die EU bewegt sich wie Bolle

Wir haben es ja schon in unserem aktuellen MikroGespräch ausgeführt: China nutzt KI sowie die Debatte über KI als außenpolitisches Instrument. Jüngst hat Staatspräsident Xi auf der Welt-KI-Konferenz (WAIC) in Shanghai eine Rede gehalten, in der er China als Open-Source-Macht darstellte, die multilaterale KI-Kooperation ermöglicht. In Abgrenzung zu den USA, einerseits. Aber auch als Erinnerung und Angebot an all jene Staaten, die sich keine eigene KI-Infrastruktur schaffen können. Also nicht den Luxus haben, sich zu überlegen, ob sie unabhängig von einer der KI-Mächte sein wollen.

Zugleich erwägen die USA Exportkontrollen. Und so kommt Cindy Yu zu dem Schluss, dass all das klassische chinesische Ideologie und Strategie ist. Über vermeintliche Offenheit lockt man andere Staaten in das eigene Ökosystem und damit in die Abhängigkeit von chinesischer Technologie und am Ende chinesischer Politik.

Da ändert sich nicht viel, weil uns dieses Muster bekannt ist. Wir erleben es in Europa gerade hautnah im verarbeitenden Gewerbe. Nun habe ich Zweifel daran, dass der China-Schock 2.0, wie er gerade genannt wird, wirklich so groß ist, wie mancher behauptet. In jedem Fall aber scheint sich etwas bei der EU zu bewegen. Man plant, aktiver gegenüber China zu werden, und selbst Volkswagen begrüßt derweil Zölle gegen chinesischen Autohersteller.

Quellen: (Chinese Whispers) There's more than one way to win the AI arms race, (FT) The Coming Clash Between China and Europe, (Mikroökonomen) KI-Forschung: Europas Wettlauf gegen die Zeit

Weiterführende Links (AI generiert):


Propaganda

Wie viel verdient man als Ausländer bei chinesischen Staatsmedien?

Es gibt wenige Newsletter und Blogs, die einen granularen Einblick in die chinesische Propaganda geben. Too Simple, Sometimes Naive ist ein Substack, den ich regelmäßig lese.

In der aktuellen Veröffentlichung geht es um einen 24-jährigen Amerikaner, der in China anheuerte, um auf Social Media für chinesische Staatsmedien für China zu werben. Angeblich bekommt er ein unglaublich hohes Gehalt. Weswegen das chinesische Internet ihn nun aus seinem Job rausgemobbt hat. Aber wie so oft stimmen die Zahlen nur oberflächlich, und das Ganze ist ebenso absurd wie unterhaltsam.

Es waren 3.200 Dollar monatlich.

Quellen: (Whippling) 24yo American quits Chinese state media after mass fury over 'lucrative' salary

Influecing entwickelt sich weiter

Wer sich etwas auf Social Media im Sinne von Instagram und TikTok rumtreibt, dem wird in den letzten Jahren aufgefallen sein, dass sich einiges verschoben hat. Nebst dem mittlerweile viel beachteten Bereich UGC (User-Generated Content), über den Marken versuchen, 'Authentizität' in ihre Werbung zu integrieren. Damit kann man Geld verdienen, ohne viele Follower zu haben. Ein Nebeneinkommen, das sich Menschen in Indonesien bspw. aufbauen versuchen können, ist, Werbevideos für diverse Touristenspots zu drehen. Pro 1.000 Views 100.000 Rupiah zu bekommen. Die Videos werden dann oftmals von den Brands direkt in ihren Kampagnen verwendet. Die Modelle varieren je nach Region und Auftrag.

Gemessen daran, dass Influencer den Werbemarkt dominieren, war das ein großer Schritt. Mittlerweile sehen wir eine Bewegung weg von Influencern, die niemand mehr als realistisch ansieht. Was hat deren Prada-Täschchen mit meinem Leben zu tun? Nichts. Das Problem ist nun, dass der Markt mit lauter Kleinst-Accounts geflutet wurde, die versuchen etwas von diesem Kuchen abzubekommen. Und dabei nicht wirklich professionell arbeiten.

UGC ist am Ende auch keine wirklich gute Lösung. Statt eines Influencers zahlt man nun eine Kohorte an Menschen, die aber auch nur etwas verkaufen, weil sie bezahlt werden. Deswegen gibt es nun die nächste Stufe. Menschen, die eine Nische mit hoher Glaubwürdigkeit besetzen und ihr Geld nicht mit Werbung verdienen, können nun immer öfter ihre Glaubwürdigkeit vergolden. Sie posten aus Spaß an der Freude, und gelegentlich bewerben sie etwas.

Quellen: (WSJ) Forget Influencers. Welcome to the World of the 'Alternatively Influential.'


Gesellschaft

Drohnen und der Klang des Krieges

Das ist ein Artikel, auf den ich lange gewartet habe. Drohnen verändern die Geräuschkulisse des Krieges und der Überwachung. Wenn ihr euch die Beispiele anhört, müsst ihr euch vorstellen, dass manche dieser Töne konstant da sind. Drohnen werden mittlerweile für Propaganda, Musikbeschallung oder Nervtötung eingesetzt. Es ist ein komplett neues Spektrum der psychologischen Kriegsführung entstanden, und es wird viel zu wenig darüber berichtet.

Quelle: (Bloomberg) Drones Are Reshaping the Soundscape of War


Die Rückkehr des Screwworms

Das ist einer der Texte, der uns daran erinnert, warum wir das Internet lieben. Alles über den Screwworm in den USA. Aufstieg, Fall und Wiederbelebung durch Elon Musk.

Quellen: (Construction Physics) The Fall and Rise of Screwworm

Weiterführende Links (AI generiert):


Wirtschaft

Hinweis:

Anfang August waren die Gaskavernen der Europäischen Union zu 57,1 % ausgelastet. Im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahren ist das der niedrigste Stand seit Aufzeichnungsbeginn 2009/2010. In Deutschland liegen wir bei rund 47 % und ziehen den europäischen Durchschnitt aufgrund unserer Masse merklich nach unten. Im Vorjahr war der Speicherstand zu diesem Zeitpunkt im Bereich von 60 %.

Ich halte die deutschen Gasvorräte für eines der unterschätzteren potenziellen Probleme, weil hier meist nur über den Preis argumentiert wird, und der befindet sich unter dem von 2022. Leere Vorräte führen aber irgendwann zu einem Kaufzwang. Man kann an der Stelle argumentieren, dass durch El Niño diesen Winter die Temperaturen höher ausfallen. Man kann aber auch ins Casino gehen.

Quellen: Gasspeicher Dashboard; (Bundesnetzagentur) Vorjahresvergleich

Vietnam, Zölle und der US-Zwangsmechanismus

Vietnam befindet sich in einer Klemme. Es gibt ein Wachstumsziel von 10 % jährlich, weswegen überall fleißig gebaut wird, und zugleich gibt es Donald Trump, der Vietnam als Zoll-Schlupfloch-Land für China erkannt hat und genau das künftig verhindern möchte.

Vietnam bekommt außergewöhnlich viel Feuer seitens der USA. Im Juli wurden die neuen Section-301-Zölle von 10 % bis 12,5 % auf Importe eingeführt. Der angebliche Grund: unzureichende Bekämpfung von Zwangsarbeit. Dabei hat Vietnam kurz zuvor, am 22.07.2026 ein Verbot von Zwangsarbeitsprodukten erlassen.

Für Vietnam ist das auch deswegen ein Problem, weil es einen externen Wachstumsfaktor benötiget, wenn die Inflation durch interne Bautätigkeit nicht außer Kontrolle geraten soll. Dann bliebe nur der Weg, die Wachstumsziele zu streichen.

Quellen: (Mekong Brief) Vietnam Banned Forced Labor on July 22. USTR Set the Rate on July 23.

Weiterführend:


Chinas Kapitalflucht-Crackdown und die Grenzen privaten Offshore-Reichtums

Für lange Zeit galt in China die Regel, dass man daheim zwar sein Geld verdienen kann, dass man einen Großteil dieses Geldes aber dann im Ausland parken sollte, damit man abgesichert ist. Dabei entstanden, wie zu erwarten, auch Konstrukte, mit denen man Steuern 'sparen' konnte. Und genau das ist dem chinesischen Staat in Zeiten einer Wirtschaftskrise nun ein Dorn im Auge. Die Steuerschlupflöcher werden geschlossen, die Offshorebroker werden mit Strafgeldern bedacht und die Kunden werden zunehmend erfasst. Der Staat weiß also im Zweifel, wo jemand sein Geld parkt.

Damit wird es auch schwieriger (bzw. teurer), die mal stärker, mal schwächer umgesetzten Finanzverkehrskontrollen zu umgehen. Das Vorgehen folgte auf eine Reihe von Firmenverkäufen im AI-Sektor an Auslandsinvestoren. Das Fass zum Überlaufen brachte wohl die Übernahme des KI-Agenten Manus durch Meta. Dabei wurde die Firma erst nach Singapur gebracht und dann verkauft. Ein zu offensichtlicher Move, der nun zur Rückabwicklung des Deals führt. Der Grund ist simpel: China vermutet hier einen Wissenstransfer, der die nationale Sicherheit gefährdet.

Das weist uns auf eine weitere Entwicklung hin, die aktuell eher noch im Unternehmensbereich stattfindet. Wem gehören die Daten, die 'Unternehmen' durch AI-Nutzung erzeugen? Absolut niemand will diese an Claude weitergeben, sondern wohl eher firmeneigene Datennutzungs- und Verwertungsstrukturen aufbauen. Bei China kommt dann aber noch die Ebene Staat dazu. Denn wenn der Staat nun verlangt, mit anderen Unternehmen zu teilen, wird absolut niemand "Nein." sagen können. Etwas weitergedacht, stellt das irgendwann auch die deutsche Industrie vor größere Probleme.

Quellen: China's Tycoons Made Fortunes Offshore. Now the Party Is Over., Who Owns What Makes Your Company Special?

Weiterführend:

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