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Iran

Im Iran fand ein Massaker statt und es droht ein Bürgerkrieg.

Marco Herack
Marco Herack
8 minuten gelesen
Iran
Vielländerbucht (Privat)

Inhaltsverzeichnis

Auf diesen Text habe ich absolut gar keine Lust. Ich habe mich ihm verweigert, ich habe ihn verdrängt und ich habe so viel Dinge erledigt, um diesen Text nicht schreiben zu müssen, dass meine Mails und mein Schreibtisch sehr gut aufgeräumt sind. Ich könnte noch drei Podcasts schneiden und dann sicher noch mehr tun, aber die Realität ist auch: Wir müssen über den Iran sprechen.

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Als im September 2022 die ‚Frau, Leben, Freiheit‘-Proteste im Iran begannen, gab es eine vermeintliche Welle der Solidarisierung mit den Menschen im Iran. En masse wurden Videos und Bilder in den sozialen Medien verteilt. Man wollte die Menschen sichtbar machen, ihren Kampf zeigen und glaubte, das sei solidarisch.

Doch der Winter kam.

Es gab Tote und Verletzte, Eingesperrte und Verschwundene und trotz der bereits vorhandenen Brutalität verschärfte das Regime diese. Die Kälte des Winters sorgte für den Rest. Die Proteste schwächten sich ab. Das Hinsehen der Öffentlichkeiten schwand. Stattdessen begann die eigentliche Zersetzung. Das Regime sperrte jene ein, die zuvor protestierten und entkamen. Es drangsalierte die Familien, der Kontakt zu Eingesperrten hörte auf zu existieren. Es wurde Misstrauen gesäht, der Internetverkehr und all seine Informationen wurde ausgewertet und Menschen gezielt verfolgt.

Dann kamen die Hinrichtungen. Bekannte Persönlichkeiten, die große Aufmerksamkeit in der westlichen Welt genossen, wurden nach zähem Ringen öffentlichkeitswirksam entlassen. Zugleich wurden über 1.000 Menschen hingerichtet. Ein ebenso simpler wie effektiver Akt der Manipulation. Bei den Beerdigungen, wenn sie überhaupt stattfanden, wurden Familienmitglieder von den Gräbern gezogen, eingesperrt, gefoltert oder sonstigen Repressalien ausgesetzt. Menschen flohen außer Landes, suchten Sicherheit woanders.

Der Moment, in dem die Welt wegschaute, war der Moment des Regimes.

Etwas blieb. In den Städten gab es nicht wenige Frauen, die ihr Haar zeigten. Westliche Journalistïnnen im Iran zeigten diese nur zu gerne vor der Kamera. Das Regime zeigte sie gerne. Man durfte sich einreden, dass die Proteste gesellschaftlichen Progress schafften. Wenigstens etwas.

Weniger sichtbar war, wie eben diese Frauen zugleich willkürlich drangsaliert wurden. Es gab auch hier Tote, doch wurden sie außerhalb des Irans und seiner Beobachterïnnen kaum wahrgenommen.

Schon 2022, während man sich mit seinem Aktivismus für iranische Frauen brüstete (viele nicht für die Iraner als Gesamtes), gab es eine große Leerstelle, die auch als Drohung über den Protesten hing. Der „Bloody November 2019“.

Im November 2019 verkündete das iranische Regime eine Benzinpreiserhöhung von 50-200%. Während der aufflammenden Proteste wurde das Internet abgeschaltet und die Protestierenden einfach abgeknallt. Reuters berichtete später davon, dass die Opferzahl bei um die 1.500 liegt. Während Menschenrechtsorganisationen eher von 3-400 Toten sprach. Um die 10.000 Menschen wurden festgenommen und wie viele davon wiederum den Knast überlebten, ist bis heute ungeklärt. Das liegt auch daran, dass viele Gefangene des iranischen Regimes sterben, nachdem sie entlassen wurden. Was wir aus den Berichten von Gefangenen wissen, ist, dass sie Spritzen bekommen. Es gibt Berichte über ein Sterben nach dem Gefängnis ebenso wie über psychische Probleme und körperliche Einschränkungen.

Das ist Iran.

Woran die Proteste in 2022 scheiterten, ist schwer festzunageln. Fakt ist, sie konnten keine Mehrheit hinter sich versammeln, auch weil der Slogan der Proteste eher spaltend auf manche wirkte. Zugleich konnte man damals schon feststellen, dass es eine gewisse Stärke der Strömung des Shahs gab. Aber eben genau diese fand medial wenig Beachtung. Feminismus und Kurden eigneten sich für westliche Medien und ihr Publikum mehr und so entstand eine verzerrte Wahrnehmung. Ein Wunschdenken. Ebenso wichtig scheint, dass die ‚Generation Silberlocke‘ bei den Protesten nicht mitmachte und dass die ‚Bazaari‘ sich rausgehalten haben, also die Händler.

Gen Ende von 2025 gab es eine erneute Protestwelle. Nach einem Jahr voller Inflation, Dürre, Wassermangel, Luftangriffen auf Atomanlagen, Führungspersonen und Luftabwehr durch die USA und Israel. 2025 war ein verheerendes Jahr für das Mullahregime im Sinne seiner außenpolitischen Machtprojektion. Iran konnte sich weder gegen Israel noch gegen die USA wehren. Das macht den Mullah-Staat nicht per se schwach, es zeigt aber seiner Grenzen auf.

Als Hauptauslöser für die Proteste im Dezember 2025 gilt die Inflation im Lande, die als galoppierend bezeichnet wird und es auch ist. Aber zweifelsohne auch die Social Media-Bilder und Videos der Kinder und Enkel der Mullahs, die im Westen leben, halb nackt durch die Welt rennen und dem Luxus frönen während die Menschen im Iran Hunger leiden. Die Eliten tanzen via Social Media schon lange auf den Gräbern ihres Volkes.

Reza Pahlavi, von mir gerne Shah-Sohn genannt, hat nach den ersten Demonstrationstagen dazu aufgerufen, dass die Menschen auf die Straße mögen. Das sollte am Donnerstag und Freitag, also dem 8. und 9. Januar geschehen.

„Großes Volk des Iran, die Augen der Welt richten sich auf euch. Geht auf die Straßen und bildet eine geschlossene Front, ruft eure Forderungen aus“

Am 8. Januar um 16:30 Uhr kam das Internet zum Erliegen. (Quelle: Cloudflare)

Was wir über diese Zeit wissen, wurde zeitweise mühsam aus dem Iran rausgeschafft, per Landleitungen mündlich übermittelt oder, seit das Internet wieder halbwegs geht, schlichtweg ins Netz gestellt.

Die Proteste waren ohnehin groß, aber mit dem Aufruf des Shahsohns wurden sie kritisch. Vor allem aber gab es ein durchgehendes Topic der Proteste: ‚Javid Shah’, also lang lebe der Schah und der Ruf nach dem Tod des obersten Führers Chamenei. Dies in verschiedenen Varianten. Während in Deutschland Pseudoexperten behaupten, man wisse nicht, für was die Demonstranten standen und was genau sie meinten, wenn sie nach dem Schah riefen, sprechen Augenzeugenberichte und Social Media Videos eine andere Sprache.

Die Washington Post hat die Vorgänge im Basar-Viertel von Rasht rekonstruiert. Am Abend begannen die Schergen des Regimes auf die Demonstranten zu schießen. Als im Basar ein Feuer ausbrach, versuchten die Menschen zu fliegen und wurden dabei erschossen. Es war ein Massaker und Rasht ist lediglich ein Beispiel von vielen. Aus ganz Iran gibt es Berichte wie diesen. Wenn man sich durch die Videos in den Sozialen Medien wühlt, dann beginnt man irgendwann zu denken, dass da jemand Glück gehabt habe, weil die Person nur verprügelt wurde. In den anschließenden Tagen gingen Menschen einkaufen und wurden dabei kaltblütig erschossen. Weil. Es ist grausam.

In den folgenden Tagen kamen trotz Internetshutdown immer mehr Informationen aus dem Iran. Ärzte berichteten von sich stapelnden Leichen. Schergen des Regimes wetzten durch die Krankenhäuser und suchten dort nach Demonstranten. Menschen wurden in überfüllte Zellen gesperrt und dort gefoltert.

Die Zahlenlage ist unklar. NGOs haben die Todeszahlen immer zu niedrig angelegt, weil sie verifiziert arbeiten und das im Grunde nicht geht. Das TIME Magazine zitiert zwei Regierungsquellen, die 30.000 Tote in zwei Tagen proklamieren. Bei den Verletzten haben wir bis zu 330.000 Menschen in den Berichten. Meine Rechnung nimmt dies als Ansatz, weil die Berichte von Ärzten und Moscheen diese Zahl glaubwürdig erscheinen lässt.

Hinzu kommt, dass viele Verletzte gar nicht erst ins Krankenhaus gehen. Ärzte müssen im Untergrund arbeiten. Darüber weiß man verständlicherweise recht wenig. Fakt ist, dass das massenweise passiert und es nicht jeder schafft. Hinzu kommen jene, die über den Weg ins Gefängnis sterben oder, siehe oben, nachdem sie aus dem Gefängnis rauskommen. Und das Regime sucht weiter nach Demonstranten, die es über Videos etc. identifiziert. Oder anders gesagt, müssen wir mit 50.000-100.000 Toten rechnen.

Die israelische Armee, die IDF, hat gerade bestätigt, dass in Gaza rund 70.000 Menschen getötet wurden. In etwas mehr als zwei Jahren. Ich erwähne das hier nicht, um etwas zu vergleichen, sondern um die Relation und Bösartigkeit des iranischen Regimes zu verdeutlichen.

Und jetzt?

Meine kleine Zwischenüberschrift entspricht meiner Ratlosigkeit. Was soll man zu einer Öffentlichkeit sagen, die über Monate hinweg jeden verbrannten Schleier im Internet als feministischen Akt begleitet, die Proteste geil findet so lange sie nur irgendwie jung und frisch mit geil-schmerzvoller Musik unterlegt sind, die aber im Angesicht der Konsequenzen daraus, dann doch nicht mehr so gerne hinschaut.

Die Listung der Revolutionsgarden als Terrororganisation durch die EU war längst überfällig. Was den Schergen des iranischen Regimes aber wirklich wehtun würde, wäre ein verweigerter Zugang zu Europa und ein Konfiszieren der Regimegelder. Das meint die Gelder der Mitglieder des Regimes. Auch in diesem Sinne war die Listung der Revolutionsgarden weit mehr als nur ein symbolischer Akt. Dieser Akt ermöglicht nun Maßnahmen. In Europa wird Blutgeld gewaschen und es wird Zeit, dass man sich dieser Sache annimmt. Follow the Money. Gerade Deutschland ist bekannt für seine Durchlässigkeit. Das würde auch in Sachen Russland helfen.

Ein anderes gewichtiges Feld ist Zugang. Die Familien der Mullahs leben ins Saus und Braus auch in Europa. Das muss ein Ende haben. Man kann auch andersherum fragen: Warum bekommen diese Leute Visa und verfolgte Iraner bekommen diese nur schwerlich? An der Stelle stimmt etwas nicht.

Aber auch die iranische Diaspora wird ihren Beitrag leisten müssen. Es kann nicht sein, dass Menschen in den Iran in den Urlaub fahren, sie dort festgenommen werden um dann festgesetzte Gelder oder Terroristen freizupressen. Wer meint, er müsse Urlaub im Iran machen, für den wird man sich künftig nicht einsetzen können.

Ein weiteres wichtiges Feld ist die Außenpolitik. Der Iran hat seine Milizen über den gesamten Nahen Osten verstreut. Israel sei Dank, wurden sie in Teilen bereits abgeräumt und der Spielraum ist wesentlich geringer als früher. Auch dagegen kann vorgehen, in dem man in seiner Außenpolitik sehr gezielt Gelder verteilt und darauf achtet, welche Netzwerke man stützt.

Und während sich die EU zunehmend um die russische Schattenflotte kümmert, könnte sie sich auch der iranischen Schattenflotte annehmen und deren Aktivitäten zumindest etwas schwieriger gestalten.

Es gäbe noch viel mehr Aktivitäten, die man entfalten könnte, ohne direkt konfrontativ zu sein. Doch wir schaffen nicht mal das Obige. Und es scheint uns auch jedes Denken für unsere eigene Rolle zu fehlen.

Deutschland exportiert beispielsweise Maschinen, chemische und pharmazeutische Produkte, Fahrzeuge und Elektronik gen Iran. Und dagegen kann man wirklich nichts tun? Die Menschen im Iran forderten schon 2022 mehr Sanktionen gegen die Mullahs. Auch deswegen, weil diese eh alles klauen, was beim Volk landen könnte und dieses verhungern lassen.

Was wird aus Iran?

Es gibt eine dunkle Wahrheit, der wir nicht ausweichen sollten.

Das Regime hat immer mit Massakern gearbeitet. Es hat nach der Machterlangung die Elitenstrukturen komplett beseitigt. Es hat immer wieder kleinere und größere Massaker gegeben. 1988 wäre ein Beispiel für eines der Größeren. 2019 ist ein Beispiel für eines der Kleineren. Und in 2026 hat das Mullahregime gezeigt, dass es versuchen wird, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben. Dabei hat es eine Linie überschritten, nach der es keinen friedlichen Wandel geben wird.

Die Mullahs haben sich entschieden so zu gehen, wie sie kamen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Bürgerkrieg sind zumindest gestiegen. Und in der Region bereitet man sich darauf vor. Im Kleinen wie im Großen. Es ist erstaunlich, dass dieser Fakt in Deutschland so wenig beachtet wird.

Die Frage danach, was man gegen das iranische Regime und was man für die Iranerïnnen tun kann, wird dadurch nicht einfacher. Eines scheint mir jedoch gewiss: Ein Regime zu rechtfertigen, dass 30.000+ Menschen in zwei Tagen einfach niederschießt, ist mit keinem europäischen Wert zu rechtfertigen. Und darauf mit Spenden für ‚Internetzugänge‘ zu reagieren (Zamirirad), entspricht den 5.000 Helmen für die Ukraine.

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